Geschichte

Vom Kinderspital zum Kinderheim Brugg

Das «Kinderspitäli» ist ein immer noch gängiger Begriff in der Brugger Bevölkerung und ist der ursprüngliche Name des heutigen Kinderheims Brugg. Insgesamt änderte sich der Name der Einrichtung seit seinem Bestehen vier Mal.

Gründung des Kinderspitals

Rosa Vögtlin (1820–1898) heiratete in jungen Jahren Johann David Rahn. Der Jurisprudenz studierte Ehemann wirkte während Jahren in der Zürcherischen Hülfsgesellschaft mit und beschäftigte sich mit sozialen Fragen. Während ihrer kurzen Ehe machte Rosa Rahn-Vögtlin zahlreiche Erfahrungen und sammelte Erkenntnisse auf dem Gebiet der Wohltätigkeit. 1853 verwitwete die erst 33 jährige Rosa Rahn und zog dann bald darauf nach Brugg. Sie hielt Ausschau nach Mitteln zur Hilfe für die Ärmsten der Armen, für kranke Kinder, aber fand keine. Die Verhältnisse im Krankenwesen befanden sich, wie überall auf dem Lande, noch fast in mittelalterlichem Zustand. Die damals vorhandenen Krankenanstalten führten keine Kinderabteilungen. Rosa Rahn-Vögtlin, die selbst kinderlos blieb, wandte sich diesem Notstand zu. Sie liess sich vom Brugger Arzt Rudolf Urech beraten. Unterstützt von ihren beiden Brüdern, dem Gerichtspräsidenten Jakob Samuel Vögtlin und dem Pfarrer Julius Daniel Vögtlin, sowie von wohlhabenden Freundinnen kam sie zum Entschluss, ein Kinderspital zu errichten. Am 19. Juli 1866 war es soweit. Das Kinderspital wurde von Rosa Rahn-Vögtlin an der heutigen Bahnhofstrasse 18 mit sieben Patientinnen und Patienten eröffnet. Zu Beginn wurde das Haus mit einer Krankenschwester und einer Spitalmagd geführt, welche die acht Kinder und deren schwere Gebrechen wie Knochenfrass und Hüftgelenkvereiterung, Entzündung der Hals- und Rückenwirbel, pflegten. Die Platzanfrage war sehr gross, jedoch konnten wegen Platzmangels weitere Anmeldungen nicht berücksichtigt werden. Schon bald bekam sie Unterstützung von ihrer Nichte Maria Vögtlin, die später die erste Ärztin der Schweiz wurde.

Heim am Wildenrain

Das Leben der verwitweten Rosa Rahn-Vögtlin wurde durch weitere Schicksalsschläge geprägt. Leider war das Glück nach der zweiten Ehe mit dem Arzt Rudolf Urech nicht von langer Dauer. Durch den Tod ihres Ehegatten stand sie nun mit ihren vier Stiefsöhnen alleine da. Sie verlor erneut alles, nicht nur ihren geliebten Ehegatten, sondern auch den Arzt für ihr Kinderspital. Nach der Liquidation der Liegenschaften von Rudolf Urech kaufte Rosa Urech-Vögtlin aus dem Eigentum der Erbmasse zwei Jucharten Land im Wildenrain. Sie liess sich auf dem Wildenrain eine Villa bauen, in der sie bis zu ihrem Tode im Jahre 1898 lebte. Von dort aus leitete sie das Kinderspital ohne ständigen Spitalarzt weiter. Im Jahre 1881 baute sie auf eigenem Grundstück am Wildenrain 8 und auf eigenes Risiko ein Spitalgebäude für die Aufnahme von vorerst zwölf Kindern. Als beratender Arzt stand ihr Professor Siebenmann zur Seite. Am 18. September 1882 konnte das Kinderspital eröffnet werden. Es wurden kranke Kinder aus mittleren und ärmeren Volksklassen gepflegt, namentlich solche, die langwierige Leiden hatten oder die schwieriger Operationen bedurften. Die Kosten betrugen damals für einen Verpflegungstag 50 Rappen.

Das Urech’sche Kinderspital

Rosa Urech-Vögtlins Kraft war, bedingt durch die grosse Verantwortung, langsam aufgebraucht. Sie übertrug mittels Schenkungsvertrag vom 22. August 1894 das Haus samt Land einer Spitalkommission mit Pfarrer Viktor Jahn an der Spitze. Nur vier Jahre später starb die Gründerin dieses Pionierwerkes. Zwei Jahre später gab sich die Kommission erstmals Statuten, so dass es im Handelsregisteramt Brugg gemeldet werden konnte. Ebenfalls erfolgte eine neue Zusammenstellung der Kommission, welche zugleich noch ein Damenkomitee wählte. Die wichtigste Person eines Spitals ist wohl der Arzt. So stand ab 1891 Hans Siegrist dem Spitäli vor. Aus finanziellen Gründen beschloss die Kommission die Form der gemeinnützigen Stiftung im Jahre 1904. So entstand 1905 die Stiftung mit dem erstmals zum Andenken an die Gründerin verwendeten Namen «Urech’sches Kinderspital Brugg». Das im Jahr 1913 eröffnete Bezirksspital in Brugg als Akutspital beeinflusste die Tätigkeit des Kinderspitals ganz gewaltig. Es ergab sich von selbst, dass im Kinderspital nur noch wenige, leichtere Operationen vorgenommen wurden. Die Zahl der Akutkranken und der Verunfallten nahm ab. Es wurden vermehrt Kinder eingewiesen, die von schwächlicher Konstitution waren oder aus schwierigen häuslichen Verhältnissen stammten. Das Heim nahm immer mehr den Charakter einer Pflegeanstalt an.

Das Urech’sche Kinderspital und das Reformierte Kinderheim

Die Geschichte der Gründung des Reformierten Kinderheims in Brugg begann im Jahre 1943. Der damalige kantonale Armensekretär bei der aargauischen Direktion des Innern, Jörg Hänny, beklagte sich über das Fehlen eines Reformierten Kinderheimes im Aargau. Ein Durchgangsheim für reformierte Kinder musste so bald als möglich zustande kommen. Da das Urech’sche Kinderspital als konfessionell neutral galt, wurde durch die Erweiterung des Stiftungszweckes die Möglichkeit geschaffen, dieses Spital auszubauen und zu vergrössern und danach einen Teil davon als reformiertes Kinderheim zu benutzen. Die neue Stiftungsurkunde, welche das Kinderspital und das Reformierte Kinderheim als Einheit zusammenfasste, trat am 12. Februar 1947 in Kraft. Dies nach der Zustimmung durch den Stiftungsrat des Kinderspitals Brugg und den reformierten Kirchenrat der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Aargau. Die Stiftung hiess nun «Urech’sches Kinderspital und Reformiertes Kinderheim Brugg».

Vom Reformierten Kinderheim zum Kinderheim Brugg

Wegen fehlender Subventionsberechtigung beschloss der Stiftungsrat am 29. August 1974, bei der Invalidenversicherung ein Begehren um Anerkennung als Sonderschule einzureichen, um danach die Unterstellung unter das Heimgesetz zu erlangen. Weil der Name «Reformiertes Kinderheim» immer wieder zu Unsicherheiten bei einweisenden Stellen und bei Gönnern führte, hat der Stiftungsrat 1999 die Stiftungsurkunde überarbeitet und den Namen auf «Kinderheim Brugg» geändert.

Das Kinderheim Brugg heute

Trägerin des heutigen Kinderheims Brugg ist eine Stiftung mit Sitz in Brugg. Als oberstes Organ wirkt ein sich selber konstituierter Stiftungsrat mit sieben bis elf Mitgliedern.

Seit dem Einzug in die neuen und umgebauten Gebäude im Frühling 2010 ist das Kinderheim Brugg in die Bereiche Tagessonderschule und Wohnen mit den Abteilungen Wohnheim und Betreutes Wohnen gegliedert.

Das Angebot wurde im 2013 mit einer Notfallgruppe und 2015 mit einer Aussenwohngruppe erweitert.

2016 feiert das Kinderheim Brugg sein 150-jähriges Bestehen mit diversen Feierlichkeiten über das Jahr hindurch.

Im Jubiläumsjahr konnten zwei Liegenschaften erworben werden, in welcher je eine Wohngruppe untergebracht wird und es wurde mit dem Umbau bzw. Neubau einer weiteren Liegenschaft für den künftigen Gebrauch begonnen.

Gemäss Regierungsasratsbeschluss wird das kantonseigene Schulheim Stift Olsberg in die Stiftung Kinderheim Brugg überführt. Mit diesem Entscheid wird die letzte kantonseigene Einrichtung aus der Verwaltung ausgegliedert und per 1. August 2017 einer privat-rechtlichen Trägerschaft überführt.

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